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Autor: Dirk Neumann Geschäftsführer ASSISTRA Cloud Services GmbH 17.08.2026
Cloud-native vs. cloud-enabled Infrastruktur: der Unterschied
Warum der Betrieb bei einem Cloud-Provider keine Cloud-native Architektur ergibt
Das sollten Sie mitnehmen: FALSCH FALSCH
- Public, Private und Hybrid Cloud sind Deployment Models.
Sie beschreiben Kontrolle und gemeinsame Nutzung von Ressourcen, nicht die Service-Ebene IaaS, PaaS oder SaaS.
- Private Cloud ist keine Standortaussage.
Nach NIST kann eine Private Cloud innerhalb oder außerhalb des eigenen Rechenzentrums liegen; entscheidend ist, wer die Ressourcen kontrolliert.
- NIST und ISO definieren Hybrid Cloud unterschiedlich weit.
ISO verlangt Private plus Public Cloud, NIST lässt jede Kombination eigenständiger Cloud-Infrastrukturen zu.
- Die Integration ist der eigentliche Architekturgegenstand.
Netzwerk, Identity, Datenbewegung und Management müssen über Umgebungsgrenzen hinweg zusammengeführt werden.
- Der Datenpfad gehört zur Cloud-Entscheidung.
Wo Compute läuft, lässt sich nicht ohne die Frage beantworten, wo die Daten liegen und wie sie erreichbar sind.

Warum der Betrieb bei einem Cloud-Provider keine Cloud-native Architektur ergibt
Inhaltsverzeichnis
- Cloud ist mehr als ein anderer Betriebsort
- Ob ein Angebot ein Cloud Service ist, lässt sich prüfen
- Cloud-enabled bezeichnet Verlagerung und nicht Neuentwicklung
- Cloud-native ist ein Architekturprinzip und keine Technologieliste
- Betriebsort und Architektur sind zwei unabhängige Achsen
- Ein einzelner Cloud-Service macht keine Cloud-native Infrastruktur
- In Kundengesprächen meint „Cloud“ zuerst einen Standortwechsel
- Die Migration allein belegt noch keinen Kostenvorteil
- Persistente Daten folgen der Elastizität nicht
- Cloud-native ist nicht automatisch die bessere Architektur
- Fazit
- Quellen
„Wir gehen in die Cloud“ beschreibt noch keine technische Architektur. Eine bestehende VMware-, Server- oder Storage-Umgebung kann in das Rechenzentrum eines Cloud-Providers verlagert werden, ohne dass sich ihr grundlegender Aufbau wesentlich verändert. Umgekehrt lassen sich Anwendungen und Infrastruktur gezielt so entwerfen, dass sie Cloud-Mechanismen wie automatisierte Provisionierung, deklarative APIs und dynamische Ressourcenbereitstellung tatsächlich nutzen. Der Betriebsort einer Infrastruktur sagt deshalb noch nicht aus, ob ihre Architektur cloud-native ist.
Dabei muss auch der Begriff „cloud-enabled“ eingeordnet werden. Anders als Cloud Computing oder cloud-native ist er kein vergleichbar eindeutig definierter Architekturbegriff. In diesem Artikel bezeichnet er bestehende oder klassische Architekturen, die in einer Cloud-Umgebung betrieben oder um Cloud-Services ergänzt werden, ohne deshalb grundsätzlich nach Cloud-native-Prinzipien aufgebaut zu sein.
Cloud ist mehr als ein anderer Betriebsort
Eine technische Abgrenzung beginnt sinnvollerweise beim Begriff Cloud Computing selbst.
NIST definiert Cloud Computing in der Special Publication 800-145 als ein Modell, das allgegenwärtigen und bedarfsgerechten Netzwerkzugriff auf einen gemeinsam genutzten Pool konfigurierbarer Ressourcen wie Netzwerk, Server, Storage, Anwendungen und Services ermöglicht. Diese Ressourcen sollen schnell bereitgestellt und wieder freigegeben werden können, und zwar mit minimalem Verwaltungsaufwand oder minimaler Interaktion mit dem Service Provider.
Der letzte Halbsatz trägt mehr Gewicht, als er zunächst erkennen lässt. Nicht nur der Verwaltungsaufwand soll gering sein, sondern auch die Notwendigkeit, für eine Bereitstellung überhaupt mit dem Anbieter in Kontakt zu treten. Ein Hosting-Angebot, bei dem zusätzliche Ressourcen per Ticket und anschließendem manuellen Vorgang beim Anbieter angefordert werden, erfüllt dieses Kriterium in strenger Auslegung nicht.
Als wesentliche Eigenschaften nennt NIST fünf: On-demand Self-Service, Broad Network Access, Resource Pooling, Rapid Elasticity und Measured Service. Sie markieren den Unterschied zwischen Cloud Computing und einfachem externen Hosting, denn Cloud bezeichnet eben nicht lediglich den physischen Standort von Servern und Storage.
Ergänzend präzisiert SP 800-145 den Begriff der Cloud-Infrastruktur (Cloud Infrastructure) in einer Fußnote zur Definition. Beschrieben wird sie dort als Gesamtheit aus Hardware und Software, welche die fünf wesentlichen Eigenschaften überhaupt erst ermöglicht. Diese Gesamtheit lässt sich als Kombination aus einer physischen Ebene mit Server-, Storage- und Netzwerkkomponenten und einer konzeptionell darüberliegenden Abstraktionsebene aus Software betrachten, in der die Cloud-Eigenschaften tatsächlich entstehen.
Damit müssen zwei Fragen getrennt werden: Wo läuft eine Infrastruktur, und wie werden ihre Ressourcen bereitgestellt und betrieben? Eine virtuelle Maschine kann bei einem Cloud-Provider laufen, während Anwendung, Betriebssystem, Storage-Zuordnung und Betriebsprozesse weitgehend denen der vorherigen On-Premises-Installation entsprechen. Der Standort hat sich dann geändert, die Architektur möglicherweise kaum.
[QUERVERWEIS: Was ist Cloud-Infrastruktur?]
Ob ein Angebot ein Cloud Service ist, lässt sich prüfen
Die Frage, ob ein konkretes Angebot die Cloud-Eigenschaften tatsächlich bereitstellt, ist keine akademische. NIST hat ihr eine eigene Publikation gewidmet.
SP 500-322 aus dem Februar 2018 beschreibt den Anlass unmissverständlich: Manche Anbieter bezeichnen ihre Angebote als Cloud Services, auch wenn diese die wesentlichen Eigenschaften der NIST-Definition nicht unterstützen. Ohne Klarstellung, so NIST, riskieren Organisationen die Einführung von „Services“, die keine Cloud-Eigenschaften bieten.
Dazu liefert das Dokument eine Bewertungsmethodik. Für jede der fünf wesentlichen Eigenschaften definiert NIST ein Primärkriterium, dazu eine objektive Option A und eine von den Anforderungen des Kunden abhängige Option B. Ergänzt wird jede Eigenschaft um die Angabe, welche Partei ihre Erfüllung überhaupt bestätigen kann.
Beim On-demand Self-Service lautet das Primärkriterium, dass die Bereitstellung ohne menschliche Interaktion mit dem Anbieter erfolgen kann. Option A bedeutet vollständig automatisierte Bereitstellung einschließlich der internen Cloud-Infrastruktur. Bei Option B nutzt der Kunde eine automatisierte Schnittstelle zur Anforderung und Nachverfolgung, während der Anbieter intern manuell provisioniert. Für den Kunden ist dieser Unterschied nicht erkennbar, weil er ausschließlich die Bereitstellungsschnittstelle sieht und nicht das System dahinter. Bestätigen kann die Unterscheidung deshalb nur der Anbieter.
Ähnlich verhält es sich beim Resource Pooling, das von der internen Architektur des Cloud Service abhängt und von außen nicht überprüfbar ist. Beim Measured Service liegt es genau umgekehrt: Ob die Messtiefe für die eigenen Anforderungen ausreicht, kann allein der Kunde beurteilen.
[BILD 1] Prüfmatrix zu den fünf wesentlichen Eigenschaften nach NIST SP 500-322. Fünf Zeilen für On-demand Self-Service, Broad Network Access, Resource Pooling, Rapid Elasticity und Measured Service; Spalten für Primärkriterium sowie Bestätigungszuständigkeit. Farbliche Kennzeichnung, welche Eigenschaft nur der Anbieter, welche nur der Kunde und welche beide bestätigen können. Akzentfarbe für die vom Kunden nicht prüfbaren Zeilen.
Für Architekturentscheidungen folgt daraus eine praktische Konsequenz. Ein Teil der Eigenschaften, die eine Cloud definieren, lässt sich nicht durch Beobachtung des Angebots feststellen, sondern nur durch Offenlegung seitens des Anbieters. Wer prüfen möchte, ob eine Plattform Cloud-Eigenschaften bereitstellt oder lediglich so vermarktet wird, muss diese Punkte in der Anbieterauswahl oder vertraglich adressieren.
Ein weiterer Befund der Publikation betrifft die Abgrenzung dieses Artikels unmittelbar. NIST erläutert, was „essential“ in diesem Zusammenhang bedeutet: Der Anbieter muss in der Lage sein, jede der fünf Eigenschaften bereitzustellen. Der Kunde kann sich dafür entscheiden, eine Eigenschaft im konkreten Fall nicht zu implementieren oder nicht zu nutzen. Das trennt die beiden Betrachtungsachsen sauber. Eine per Lift-and-Shift verlagerte Umgebung entzieht der Plattform, auf der sie läuft, nicht deren Cloud-Qualifikation. Der Kunde nimmt die vorhandene Elastizität lediglich nicht in Anspruch.
Zur Vorsicht mahnt NIST außerdem bei der verbreiteten Terminologie mit dem Suffix „as a Service“. Begriffe, die durch Anhängen dieses Suffix an eine beliebige Funktion entstehen, verwischen nach Einschätzung von NIST die architektonisch begründete Unterscheidung zwischen SaaS, PaaS und IaaS. Das Dokument führt dazu eine ausdrücklich ungefilterte Sammlung solcher Marketingbegriffe auf, in der sich unter anderem Storage as a Service, Backup as a Service und Disaster Recovery as a Service finden. Zu ihrer Definition nimmt NIST keine Position ein. Für die Bewertung eines Storage-Angebots bedeutet das: Der Name des Angebots trägt keine Aussage über seine Architektur.
Cloud-enabled bezeichnet Verlagerung und nicht Neuentwicklung
Cloud-enabled wird nicht so einheitlich definiert wie Cloud Computing oder cloud-native. Für eine technische Architekturbetrachtung bleibt der Begriff dennoch nützlich, wenn seine Bedeutung klar eingegrenzt wird. Gemeint ist hier eine bestehende Infrastruktur oder Anwendung, die in einer Cloud-Umgebung betrieben oder um Cloud-Dienste ergänzt werden kann, deren grundlegendes Architekturmodell aber nicht zwingend für Cloud-Mechanismen entwickelt wurde.
Dass diese Eingrenzung notwendig ist, zeigt die Verwendung des Begriffs bei NIST selbst. In SP 500-322 erscheint cloud-enabled in einer deutlich engeren und anders gelagerten Bedeutung. Gemeint sind dort Web- oder Mobile-Anwendungen, die über das Netzwerk erreichbar sind und damit die Eigenschaft Broad Network Access erfüllen, in Abgrenzung zu Anwendungen, die auf einer virtuellen Maschine oder einem Desktop installiert sind. NIST verwendet den Begriff also für eine Zugriffseigenschaft von Anwendungen und nicht für den Modernisierungsgrad einer Gesamtarchitektur. Wer beide Verwendungen nebeneinander liest, sollte diesen Unterschied kennen.
Ein typischer Fall der hier verwendeten Bedeutung ist Lift-and-Shift. Dabei werden bestehende Systeme oder Virtualisierungsumgebungen in eine Cloud-Infrastruktur übertragen, ohne die Anwendung grundsätzlich neu zu entwickeln. Der Begriff ist keine Standardisierung, sondern eine etablierte Branchenbezeichnung. Ihre heute gängige Systematisierung stammt aus der Migrationsstrategie-Systematik der sechs R, die AWS 2016 auf Basis einer zuvor von Gartner formulierten Systematik veröffentlicht hat. Rehosting wird dort ausdrücklich als Lift-and-Shift bezeichnet: Anwendungen werden verlagert, ohne die Cloud-Fähigkeiten der Zielumgebung zu nutzen.
Für den in Infrastrukturprojekten häufigeren Fall existiert inzwischen eine eigene Kategorie. Die spätere Erweiterung auf sieben Strategien führt Relocateals Verlagerung auf Hypervisor-Ebene: Infrastruktur wird verlagert, ohne neue Hardware zu beschaffen, ohne Anwendungen umzuschreiben und ohne die bestehenden Betriebsprozesse zu verändern. Das beschreibt die Verlagerung einer vollständigen Virtualisierungsumgebung präziser als das Rehostingeinzelner Anwendungen.
[BILD 2] Gegenüberstellung vor und nach einer Verlagerung. Zwei identisch aufgebaute vertikale Stapel mit den Ebenen Anwendung, virtueller Server, virtuelles Netzwerk und Storage. Der linke Stapel steht auf der Ebene „eigenes Rechenzentrum“, der rechte auf „Cloud-Infrastruktur“. Die oberen vier Ebenen in identischer Farbgebung, um die Unveränderlichkeit zu zeigen; ausschließlich die unterste Ebene in Akzentfarbe.
Eine solche Architektur kann technisch sinnvoll sein. Sie ist nur nicht allein aufgrund ihres neuen Betriebsortes cloud-native.
Cloud-native ist ein Architekturprinzip und keine Technologieliste
Für cloud-native existiert eine deutlich präzisere Definition.
Die Cloud Native Computing Foundation beschreibt in ihrer Cloud Native Definition v1.1 Cloud-native Practices als Ansatz, mit dem Organisationen Workloads in Public-, Private- und Hybrid-Cloud-Umgebungen programmatisch und wiederholbar entwickeln, erstellen und bereitstellen, um ihre organisatorischen Anforderungen im erforderlichen Umfang zu erfüllen. Charakteristisch sind laut CNCF lose gekoppelte Systeme, die auf sichere, belastbare, verwaltbare, nachhaltige und beobachtbare Weise zusammenwirken.
Die Nennung von Nachhaltigkeit ist dabei neu. Version v1.0 nannte lediglich belastbare, verwaltbare und beobachtbare Systeme. Ressourcenverbrauch ist damit in der aktuellen Definition ausdrücklicher Bestandteil des Architekturziels und nicht länger eine nachgelagerte Betriebsfrage.
Als typische Technologien und Architekturprinzipien nennt die CNCF unter anderem Container, Service Meshes, Multi-Tenancy, Microservices, ImmutableInfrastructure, Serverless und Declarative APIs. Diese Aufzählung ist ausdrücklich nicht vollständig. Entscheidend ist deshalb nicht eine einzelne Technologie, sondern das Architekturprinzip dahinter.
Cloud-native lässt sich damit gerade nicht mit Kubernetes gleichsetzen. Kubernetes kann Bestandteil einer Cloud-native Plattform sein, doch die CNCF-Definition umfasst einen wesentlich breiteren Ansatz aus Architektur, Automatisierung, programmatischer Bereitstellung und lose gekoppelten Komponenten.
Betriebsort und Architektur sind zwei unabhängige Achsen
Cloud-native ist außerdem nicht mit Public Cloud gleichzusetzen. Die CNCF nennt ausdrücklich Public, Private und Hybrid Cloud als mögliche Umgebungen für Cloud-native Workloads.
Damit entstehen zwei voneinander unabhängige Betrachtungsachsen. Die erste beschreibt Betriebsort und Bereitstellungsmodell mit Ausprägungen von On-Premises über Private und Public Cloud bis zur Hybrid Cloud. Die zweite beschreibt Architektur und Betriebsmodell und reicht von der klassischen Architektur über Lift-and-Shift und teilweise modernisierte Umgebungen bis zur cloud-native Architektur.
Die erste Achse folgt dabei nicht exakt der NIST-Systematik. NIST unterscheidet vier Deployment-Modelle und nennt neben Private, Public und Hybrid Cloud zusätzlich die Community Cloud, bei der eine Cloud-Infrastruktur mehreren Organisationen mit gemeinsamen Anforderungen exklusiv zur Verfügung steht. Für die hier geführte Argumentation ist diese Ausprägung nicht relevant und bleibt deshalb außen vor.
[BILD 3] Zwei-Achsen-Matrix. Horizontale Achse mit dem Betriebsort von On-Premises über Private Cloud und Hybrid Cloud bis Public Cloud, vertikale Achse mit dem Architekturgrad von klassisch über cloud-enabled und teilweise modernisiert bis cloud-native. Vier eingetragene Beispielpunkte: klassische VMware-Umgebung On-Premises, dieselbe Umgebung nach Lift-and-Shift in der Public Cloud, Cloud-native Plattform in einer Private Cloud, Cloud-native Plattform in der Public Cloud. Die Punkte machen sichtbar, dass sich beide Achsen unabhängig voneinander bewegen.
Eine klassische virtuelle Serverumgebung kann somit in einer Public Cloud laufen, während eine Cloud-native Plattform grundsätzlich auch innerhalb einer Private Cloud betrieben werden kann. Cloud-native beschreibt daher stärker das Wie als das Wo.
Die Unterscheidung darf allerdings nicht den Eindruck vermitteln, jede Infrastruktur ließe sich eindeutig einer von zwei Kategorien zuordnen. In realen Architekturen existieren zahlreiche Zwischenformen. Eine bestehende Anwendung kann weiterhin auf virtuellen Maschinen laufen, während Daten in einem Cloud Storage Service abgelegt werden. Andere Komponenten können bereits über APIs automatisiert provisioniert sein. Einzelne Anwendungen können containerisiert betrieben werden, während andere unverändert bleiben.
Eine mögliche Entwicklung führt deshalb von der klassischen Infrastruktur über Lift-and-Shift und die Nutzung einzelner Cloud-Services zu zunehmender Automatisierung und Abstraktion und schließlich zu einer cloud-native Architektur. Diese Reihenfolge ist keine zwingende Migrationsabfolge. Sie verdeutlicht lediglich, dass Cloud-Architekturen unterschiedliche Modernisierungsgrade besitzen können. Eine vollständige Neuentwicklung ist nicht automatisch das Ziel.
Ein einzelner Cloud-Service macht keine Cloud-native Infrastruktur
Besonders deutlich wird diese Abgrenzung beim Storage.
Ein Unternehmen kann Cloud Object Storage über eine S3-kompatible API als Backup-Ziel einsetzen. Das Produktivsystem schreibt in die Backup-Software, diese wiederum über die S3-API in den Cloud Object Storage. Damit nutzt das Unternehmen einen Cloud-Service. Daraus folgt jedoch nicht, dass das Produktivsystem, die Anwendung oder die gesamte Dateninfrastruktur cloud-native aufgebaut ist. Das Gleiche gilt für andere Cloud-Ressourcen: Eine virtuelle Maschine in einer Cloud, ein einzelner Object-Storage-Bucket oder ein Cloud Backup Service beschreibt zunächst nur einen Teil der Gesamtarchitektur.
NIST trennt an dieser Stelle drei Begriffe, die in Gesprächen regelmäßig vermischt werden. Infrastructure as a Service unterscheidet sich ausdrücklich von der Cloud-Infrastruktur und ebenso von der darunterliegenden physischen Infrastruktur. IaaS bezeichnet einen bezogenen Service, die Cloud-Infrastruktur die Gesamtheit aus Hardware und Software, welche die Cloud-Eigenschaften ermöglicht, und die physische Infrastruktur die darunterliegenden Geräte. Wer über Cloud-Infrastruktur spricht, sollte deshalb klarstellen, welche dieser drei Ebenen gemeint ist.
[BILD 4] Ebenenmodell einer Infrastruktur mit sechs übereinanderliegenden Schichten: Anwendung, Compute, Datenzugriff und Protokolle, Storage, Data Protection sowie physische beziehungsweise logische Betriebsumgebung. Je Ebene ein Balken, dessen Füllgrad den Ausprägungsgrad cloud-native Eigenschaften andeutet, mit sichtbar unterschiedlichen Füllgraden. Beispielhafte Darstellung, keine Messwerte.
Für eine technische Bewertung müssen diese Ebenen deshalb getrennt betrachtet werden, denn cloud-native Eigenschaften können auf jeder von ihnen unterschiedlich stark ausgeprägt sein.
[QUERVERWEIS: Cloud Storage – Block, File und Object]
In Kundengesprächen meint „Cloud“ zuerst einen Standortwechsel
Diese Unterscheidung spielt auch in konkreten Infrastrukturprojekten eine Rolle.
Wir begegnen in Kundengesprächen regelmäßig Situationen, in denen der Wunsch nach Cloud zunächst vor allem als Verlagerung bestehender Infrastruktur zu einem Provider verstanden wird. Vorhandene VMware-, Server- oder Storage-Architekturen sollen aus vermeintlichen Kostengründen außerhalb des eigenen Rechenzentrums betrieben werden. Der Begriff Cloud beschreibt in solchen Gesprächen eher einen gewünschten Betriebsort oder ein Bezugsmodell als eine definierte Zielarchitektur.
Damit stellt sich vor einer Produktauswahl eine grundsätzlichere Frage: Was soll durch den Wechsel in die Cloud technisch verändert werden? Soll lediglich Hardware nicht mehr im eigenen Rechenzentrum betrieben werden, oder soll eine vorhandene virtuelle Infrastruktur weitgehend unverändert verlagert werden? Werden On-demand-Ressourcen benötigt, soll die Bereitstellung automatisiert werden, müssen Anwendungen unabhängig voneinander skalieren können? Oder soll lediglich ein einzelner Cloud-Service in eine bestehende Infrastruktur integriert werden? Erst die Antworten darauf bestimmen, welche Cloud-Architektur tatsächlich benötigt wird.
Wie selektiv Cloud-Services eingesetzt werden können, zeigt ein Beispiel aus unserer eigenen Projektpraxis. Wir betreuen bei rund 20 Kunden insgesamt knapp 3 PB Daten im Wasabi Cloud Object Storage. In diesen Installationen wird der Cloud Object Storage ausschließlich als Backup-Ziel eingesetzt. Die Kunden nutzen damit einen Cloud Storage Service innerhalb ihrer Data-Protection-Architektur, ohne dass ihre gesamte IT-Infrastruktur deshalb cloud-native aufgebaut wäre. Die Architektur folgt weiterhin dem Prinzip, dass Produktivdaten in der bestehenden Infrastruktur liegen, von dort in das Backup-System und von dort in den Cloud Object Storage gelangen.
Als Anbieter, der Wasabi Cloud Object Storage im Kundenauftrag implementiert und betreibt, weisen wir auf diese kommerzielle Beziehung ausdrücklich hin.
Das Beispiel verdeutlicht eine wichtige Konsequenz: Die Nutzung von Cloud und der Grad der Cloud-Native-Transformation müssen getrennt betrachtet werden. Ein Unternehmen kann erhebliche Datenmengen in einem Cloud-Service speichern und gleichzeitig seine produktiven Anwendungen weiterhin auf klassischen Infrastrukturarchitekturen betreiben.
[QUERVERWEIS: Object Storage wird zur Datenplattform]
Die Migration allein belegt noch keinen Kostenvorteil
Nach unserer Erfahrung wird die Verlagerung bestehender VMware-, Server- oder Storage-Umgebungen häufig mit erwarteten Kostenvorteilen begründet. Eine technische Migration allein belegt einen solchen Vorteil jedoch nicht.
Bei einer weitgehend unveränderten Verlagerung benötigt ein Workload weiterhin Ressourcen für Compute, Memory, Storage und Netzwerk. Verändert werden vor allem deren Bereitstellung und das Abrechnungsmodell. Gleichzeitig können Cloud-Architekturen eine andere Ressourcennutzung ermöglichen, denn NIST zählt Rapid Elasticity und Measured Service ausdrücklich zu den wesentlichen Cloud-Eigenschaften.
Ob daraus tatsächlich geringere Gesamtkosten entstehen, hängt vom konkreten Workload ab. Relevant sind unter anderem die benötigten Compute-Ressourcen, die Nutzungsdauer und der Auslastungsverlauf, ferner Storage-Kapazität, Storage Class sowie die I/O- und Zugriffsmuster. Hinzu kommen Datenübertragung, Backup und Replikation, die benötigte Verfügbarkeit und nicht zuletzt der Betriebsaufwand.
Die wirtschaftliche Frage lautet deshalb nicht, ob Cloud günstiger ist, sondern wie sich das Kostenmodell dieses konkreten Workloads durch die Zielarchitektur verändert.
[QUERVERWEIS: Storage-TCO im Vergleich]
Persistente Daten folgen der Elastizität nicht
Cloud-native Konzepte werden häufig aus Sicht von Anwendungen und Compute diskutiert. Für die Dateninfrastruktur reicht diese Betrachtung nicht aus. Compute-Ressourcen lassen sich vergleichsweise einfach erzeugen und wieder entfernen. Persistente Daten müssen dagegen über den Lebenszyklus einzelner Compute-Instanzen hinaus erhalten bleiben.
Ein Detail der NIST-Analyse ist dabei besonders aufschlussreich. SP 500-322 hält fest, dass sich Rapid Elasticity in der Regel auf horizontale Skalierung bezieht. Für zustandslose Compute-Instanzen ist das ein passendes Modell, weil weitere Instanzen hinzugefügt und wieder entfernt werden. Ein persistenter Datenbestand verhält sich anders. Er lässt sich nicht durch das Hinzufügen paralleler Kopien elastisch machen, weil Konsistenz, Zugriffskoordination und Datenbewegung erhalten bleiben müssen. Genau die Cloud-Eigenschaft, die Compute-Architekturen am stärksten prägt, greift auf der Datenebene damit nur eingeschränkt.
Daraus entstehen zusätzliche Architekturfragen. Zu klären ist, wo der persistente Datenbestand liegt und über welches Protokoll oder welche API der Zugriff erfolgt. Hinzu kommen die Anforderungen der Anwendung an Latenz und Durchsatz, die Art des parallelen Zugriffs und die geltenden Konsistenzanforderungen. Ebenso zu beantworten ist, wie Daten geschützt und wie bestehende File-Daten integriert werden. Sollen Daten zwischen Cloud und On-Premises bewegt werden, treten Bandbreite und zu übertragende Datenmenge als eigene Randbedingungen hinzu.
Eine Anwendung kann deshalb auf Compute-Ebene cloud-native aufgebaut sein und trotzdem von einer ungeeigneten Datenarchitektur begrenzt werden. Compute-Architektur und Datenarchitektur müssen gemeinsam betrachtet werden.
[QUERVERWEIS: Cloud- und Hybrid-Storage-Architekturen]
Cloud-native ist nicht automatisch die bessere Architektur
Aus den technischen Eigenschaften einer Cloud-native Architektur folgt nicht, dass jede bestehende Anwendung entsprechend umgebaut werden sollte. Eine grundlegende Rearchitektur verändert Anwendung, Betriebsprozesse und häufig auch die Anforderungen an Monitoring, Deployment, Security und Know-how. Dem stehen mögliche Vorteile wie programmatische Bereitstellung, Automatisierung, Entkopplung und zusätzliche Skalierungsmöglichkeiten gegenüber. Der Trade-off lautet damit: stärkere Nutzung von Cloud-Mechanismen gegen höheren Transformations- und Betriebsaufwand.
Für einen stabilen Workload mit weitgehend konstanten Anforderungen kann eine klassische oder cloud-enabled Architektur weiterhin angemessen sein. Für andere Anwendungen können gerade Automatisierung, dynamische Skalierung oder lose gekoppelte Komponenten zentrale Anforderungen darstellen. Die Architekturentscheidung muss deshalb vom Workload ausgehen und nicht vom Begriff cloud-native.
Vor der Entscheidung für eine Zielarchitektur sollten aus unserer Sicht mindestens vier Ebenen untersucht werden. Auf der Ebene des Betriebsmodells ist zu klären, ob lediglich der Betriebsort verändert werden soll oder auch die Art, wie Ressourcen bereitgestellt und verwaltet werden, und ob die Zielplattform die dafür benötigten Eigenschaften nachweisbar bereitstellt. Auf Ebene der Anwendungsarchitektur stellt sich die Frage, ob die bestehende Anwendung unverändert betrieben werden kann oder andere Skalierungs-, Verfügbarkeits- und Deployment-Mechanismen benötigt. Die Datenarchitektur verlangt Klarheit darüber, wo die Daten liegen, wie sie angesprochen werden und welche Anforderungen an Latenz, Durchsatz, Konsistenz, Schutz und Datenbewegung bestehen. Die vierte Ebene ist die Wirtschaftlichkeit, also die Frage, welche Ressourcen der konkrete Workload benötigt und wie die Zielarchitektur deren Bereitstellungs- und Kostenmodell verändert.
Diese vier Fragen führen zu einer präziseren Architekturentscheidung als die Vorgabe, die Infrastruktur solle in die Cloud.
[QUERVERWEIS: Storage-Entscheidungen beginnen nicht beim Storage]
Fazit
Cloud ist nicht einfach das Rechenzentrum eines anderen Unternehmens. Die NIST-Definition macht deutlich, dass Cloud Computing durch Eigenschaften wie On-demand Self-Service, Resource Pooling, Rapid Elasticity und Measured Service charakterisiert wird. Der reine Standortwechsel einer bestehenden Infrastruktur reicht als architektonische Beschreibung nicht aus. In SP 500-322 geht NIST noch einen Schritt weiter und stellt eine Methodik bereit, mit der sich prüfen lässt, ob ein als Cloud Service bezeichnetes Angebot diese Eigenschaften tatsächlich unterstützt.
Cloud-native beschreibt eine weitere Ebene. Nach der CNCF-Definition geht es um Workloads, die programmatisch und wiederholbar in Cloud-Umgebungen entwickelt und bereitgestellt werden, wobei lose gekoppelte Systeme, deklarative APIs und Automatisierung zu den charakteristischen Prinzipien gehören.
Dazwischen liegt ein breites Spektrum. Bestehende virtuelle Infrastrukturen können per Lift-and-Shift oder auf Hypervisor-Ebene in eine Cloud verlagert werden. Einzelne Cloud-Services können klassische Infrastrukturen ergänzen. Anwendungen können schrittweise modernisiert werden. Entscheidend ist dabei nicht, ob die Zielplattform Cloud-Eigenschaften besitzt, sondern welche davon die eigene Architektur nutzt.
Unsere Projekterfahrung mit knapp 3 PB Cloud Object Storage bei rund 20 Kunden zeigt diese Trennung besonders deutlich. In diesen Umgebungen übernimmt Cloud Object Storage eine klar definierte Aufgabe als Backup-Ziel, ohne dass daraus eine Cloud-native Gesamtarchitektur folgt.
Eine Cloud-Strategie sollte deshalb nicht mit der Frage beginnen, ob Cloud oder On-Premises richtig ist. Die präzisere Frage lautet, welche Teile der Infrastruktur aus welchem technischen oder wirtschaftlichen Grund verändert werden sollen und welche Cloud-Eigenschaften dafür tatsächlich benötigt werden.
Quellen
National Institute of Standards and Technology (NIST) Peter Mell, Timothy Grance: The NIST Definition of Cloud Computing. NIST Special Publication 800-145, September 2011. DOI 10.6028/NIST.SP.800-145. Kerndefinition, fünf wesentliche Eigenschaften, drei Service-Modelle und vier Deployment-Modelle sowie die Bestimmung des Begriffs der Cloud-Infrastruktur mit physischer Ebene und Abstraktionsebene in der Fußnote zur Definition. Abruf: 3. September 2026.
National Institute of Standards and Technology (NIST) Eric Simmon: Evaluation of Cloud Computing Services Based on NIST SP 800-145. NIST Special Publication 500-322, Februar 2018, 27 Seiten. DOI 10.6028/NIST.SP.500-322. Analyse der fünf wesentlichen Eigenschaften, Bewertungsmethodik mit Primärkriterien und Bestätigungszuständigkeit, Bedeutung von „essential“, Abgrenzung von IaaS, Cloud-Infrastruktur und physischer Infrastruktur sowie Einordnung der Marketingbegriffe mit dem Suffix „as a Service“. Abruf: 3. September 2026.
Cloud Native Computing Foundation (CNCF), Technical Oversight Committee Cloud Native Definition v1.1. Freigegeben durch TOC/GB am 26. Februar 2024. Definition von Cloud-native Practices, fünf charakteristische Eigenschaften lose gekoppelter Systeme sowie nicht abschließende Liste typischer Technologien und Architekturprinzipien. Abruf: 3. September 2026.
Amazon Web Services (AWS) – Herstellerquelle, ausschließlich zur Begriffseinordnung Stephen Orban: 6 Strategies for Migrating Applications to the Cloud. AWS Enterprise Strategy Blog, 1. November 2016. Herkunft der Systematik der sechs R mit Rehosting als Lift-and-Shift, nach Angabe des Autors aufbauend auf einer von Gartner 2011 formulierten Systematik. Ergänzend AWS Prescriptive Guidance zur Erweiterung auf sieben Strategien mit der Kategorie Relocate als Lift-and-Shift auf Hypervisor-Ebene. Nicht als technische Definitionsgrundlage herangezogen. Abruf: 3. September 2026.
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